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Jöschen's Le-Tour-Tagebuch 2006

Die Sinn(es)flut vor und nach dem Watterott

Wenig spektakulär ist das bisherige Radsportjahr verlaufen. Die Rennverläufe sind genauso austauschbar wie die Gesichter der kaum noch jubilierenden Sieger. Kein Wunder also, dass die ungelöste Personaldebatte eines Fernsehsenders beinahe soviel Beachtung findet, wie das Renngeschehen selber. Vor diesem Hintergrund sei uns ein kleiner Tagtraum gestattet:

Die ersten sonnenverwöhnten Tage des noch jungen Jahres liegen hinter uns und langsam stellt sich die Radsportwelt wieder auf die Sinnesflut ein, die unweigerlich mit der diesjährigen Tour de France einhergeht. Der alleinige Gedanke an die große Schleife lässt Bilder von Weißwein, Rotwein, Tafelwein und anderem Wein vor unseren geistigen Augen erscheinen. Berge von Käse werden ersonnen und der erdachte Geruch riesiger Sonnenblumenfelder ist praktisch greifbar in jeder Nase. In der Ferne taucht ein Berg auf, schält sich aus einem zaghaften Nebelteppich und erstreckt sich ins Unermessliche.
Oben auf der Passhöhe, jenseits der Baumgrenze und den letzten Zeichen der modernen Zivilisation zeigt sich eine Gestalt, blickt mit festem Gesicht ins Weite und winkt uns zu. Erst beim Näherkommen wird ersichtlich, welch eigentümlicher Gegenstand neben ihr im von der Sonne gebleichten Gras liegt.
Es ist eine gebrochene Gabel und augenblicklich ertönt eine markante Stimme in unseren Ohren und erzählt von dem armen Eugene Christoph, der - vermutlich - von wilden Bären verfolgt auf einer halsbrecherischen Abfahrt.
ach, wir kennen es alle, können es längst mitbeten und freuen uns doch in jedem Jahr wieder über diese Anekdote, die sich in jenem Jahr in jener kleinen Schmiede am Fuß der Pyrenäen zugetragen hat.

Dann kommen wieder die ersten Regentage und die Träume in der Nacht sind andere. Verwaiste Kommentatorenkabinen, oder - schlimmer noch - eine nichts sagende Stimme, die stundenlang die Namen der durchs Bild schwimmenden, bunt gekleideten Radsportler aufzählt. Keine Geschichte zu jenem Schlösschen zu unserer Linken und keine Anekdote zu jener Abfahrt nach der nächsten gefährlichen Haarnadelkurve. Alles was bleibt, ist die ungeschmückte Beschreibung des Geschehens, das - sind wir ehrlich - oft stundenlang zu größerer Langeweile führt und wie die ständige Wiederholung vom Vortag, vom Vormonat oder vom Vorjahr wirkt.

Schweißgebadet schrecken wir aus diesem Albtraum auf. Ein kurzer Blick auf den Kalender beruhigt ein wenig - 2006, noch ist Herbert Watterott aktiv, noch kann er vom grauen Rennalltag ablenken und entführt seine Zuhörer in längst vergessene Jahre, als Juckpulver in Trikots gelangte und Weinflaschen zur Stärkung der Sportler gereicht wurden.

Dennoch, die Ablösung auf dem Kommentatorensitz kommt unweigerlich, wenn auch nicht so schnell, wie noch vor kurzem der Train Bleu durch Frankreichs weite Felder pflügte. Also, wer kann ihn ersetzen, wer füllt die Lücke auf?
Der Radsport selber? Floyd Landis' Sieg bei Paris-Nizza - uninteressant.
Pozzatos Sieg bei der Primavera - schon schön, aber auch schon bald vergessen. Dopingskandale - gibt es auch kaum, schließlich kann der neuerliche Dopingfall beim Team Phonak kaum als Skandal oder Sensation gesehen werden. Allenfalls die immerneuen Ausreden erscheinen amüsant und in gewissem Maß interessant. Gibt es dafür eigentlich eine Ausreden-Statistik?

Versehentliche Verwechslung mit Smarties: 3

Verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel: 16

Ungewollte Experimente außerirdischer Lebensformen: 4

Fehler im Nachweisverfahren: 134

Genug der Abschweifung, zurück zur Gegenwart! Selbst der unvorhersehbarste Tour-Ausgang seit Jahren erscheint in diesen Tagen wenig diskussionswürdig, Ullrichs Knie irrelevant und die Verwirrungen um Danilo Hondo nur als fade Ersatzkost. All zu vorhersehbar sind die Siege der neuen Generation - kann Tom Boonen nicht wenigstens einen Handstand aufführen, während er die Konkurrenz deklassiert? Kann nicht Petacchi nach jedem Sieg einen Salto machen oder einen Literkrug Bier noch vor der Siegerehrung trinken?

Was bleibt, ist die allein Hoffnung auf spannende Klassiker, die neuen Stoff für Legenden liefern. Wann werden endlich wieder Trinkflaschen geworfen? Wer ermutigt Jens Voigt zu neuen Fluchten? Fast wünscht man sich den gelben Texaner zurück, der zumindest zeitweise durch eingefädelte Tragetaschen und Abkürzungen durch Felder zu unterhalten wusste, bevor er sich wieder dem zu sehr vorhersagbaren Tour-Sieg widmete.

Bis also wieder neue Radsportgeschichte geschrieben wird gilt: Erzähl' uns eine Geschichte Herbert!

Dem auf den Grund gehend wünscht Euch einen schönen Sommer,
Jöschen

Codename Jöschen

Wenige Kalenderblätter trennen uns noch vom alljährlichen Highlight des Radsports. In ganz Europa sind dafür die trikottechnisch wichtigen Entscheidungen gefallen. Wer fährt im italienischen Meisterdress? Wen zieren die Farben Dänemarks? Wen kann man als Meister Frankreichs im bunten Bunt des Pelotons auch aus der Hubschrauberperspektive ausmachen? Wer trägt das spanische Rot-Gelb? Der Meister Spaniens natürlich, ist man geneigt zu denken, aber nein, dieses Jahr hat man sich im Land der Pyrenäen etwas ganz besonderes einfallen lassen! Nachdem das geeinte Fahrerfeld scheinbar schon vor Jahren freundschaftliche Chancengleichheit durch kollektives Medizinmanagement eingeführt hat, wurde nun dagegen protestiert, dass die Presse von dieser fairen Geste in abscheulicher Offenheit berichtet und das Meisterrennen aus Rache nicht ausgefochten.

In Deutschland dagegen ist alles völlig normal abgelaufen, sieht man einmal davon ab, dass ein den meisten völlig Unbekannter am Ende die Arme in die Luft recken konnte. Arme in die Luft recken, hätte dieser Nobody auch Jahre vorher schon mal können, wenn jemand gefragt hätte wer gerade leistungssteigernde Substanzen zu sich genommen habe. Hat aber vermutlich niemand getan, vielleicht aus Angst, die eigene Hand in einem Meer ausgestreckter Arme nicht mehr zu sehen. Der Umstand, dass Deutschland nun einen Meister hat, der nachweislich einen unerlaubten Vorteil erlangt hat, war der deutschen Presse jedoch kaum eine Schlagzeile wert, so dass auch in Zukunft nicht mit einem Fahrerstreik zu rechnen ist.

Bleibt also festzuhalten, dass die spanischen Pedaleure am Start der Tour de France im Durchschnitt einen Renntag weniger in den Beinen haben als ihre Konkurrenten. Um zumindest in Sachen Anschuldigungen ein ungefähres Gleichgewicht herzustellen, werden in spanischen Gazetten nun aber auch andere Namen im Zusammenhang mit - nennen wir es einmal beim Namen - Doping genannt. Und nun darf die Radsportwelt rätseln, wer mit den Codenamen ,Jan' und ,Sohn Rudis' gemeint sein könnte. Nachfahren Nostradamus sehen darin natürlich deutliche Hinweise auf den deutschen Raymond Polidour, der nach erfolgreichem Kampf gegen sein chronisches Übergewicht und mal wieder so gut wie noch nie, auf das Duell mit dem diesjährigen Girosieger Basso brennt. Während solche Gerüchte tendenziell eher nachteilig auf Ullrichs Vorbereitung wirken, sind französische Sportredaktionen freundlicher. Mit ihren thematisch beruhigend alten Geschichten unterhalten sie die sensationslustigen Zweiradfans ohne in aktuelle Vorbereitungen auf "ihre" große Schleife einzugreifen. Einzig einem wohlbekannten Freizeit-Longhorn könnte der Appetit auf TexMex-Gerichte für kurze Zeit vergehen.

Jedenfalls läuft es so wieder einmal auf einen klassischen Zweikampf hinaus. Lance Armstrong, in Insiderkreisen auch ,der gelbe Lance' oder ,der Texaner' genannt, sieht sich einmal mehr herausgefordert vom ewig Zweiten, von Jan Ullrich. Diesmal befindet sich das Schlachtfeld jedoch abseits der staubigen Landstraßen, der steilen Bergpässe und langen Zielgeraden. Und auch das Ziel ist nicht die oberste Abteilung des Podiums auf den Champs d'Elysees. Messbar wäre der Erfolg vielmehr etwa in der Anzahl an Titelzeilen, in denen sowohl der eigene Name (bzw. der Name des Gegners) und das böse Wort mit D vorkommt. Oder in der Höhe der Abfindung, die ein findiger Anwalt von den berichtenden Zeitschriften herausklagt.

Und auch wenn dieser Zweikampf wie gewohnt unspektakulär ausgeht, kann man sich auf die nächsten Wochen freuen. Freuen auf den sportlichen Zweikampf (oder Mehrkampf) Basso gegen Ullrich (die Namen sind austauschbar) und auf einen Toursieger, der nicht Armstrong heißt. Auf endlose Sonnenblumenfelder und Käseplatten, auf Nussölmühlen und Gabelbruchanekdoten.

Einzig die Frage, welcher Fahrer in den Alpen von einem Bären angefallen wird, ist nach dem heutigen Abschuss des Sommerloch-Problembären wohl nicht mehr zu klären. Aber vielleicht gibt es aus Protest über diese grausame Tat ja einen Fahrerstreik am Fuße der Pyrenäen?

Es freut sich auf die folgenden Wochen
Jöschen, dessen Name noch nie auf einem Infusionsbeutel gefunden wurde


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